Kaum ein anderes Datum steht so sehr für die wechselvolle Geschichte Deutschlands wie der 9. November. Er verbindet Hoffnung und demokratischen Aufbruch mit Verfolgung, Gewalt und unermesslichem Leid. Ein Tag, der uns mahnt, die Vergangenheit nicht zu vergessen und Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.
Der 9. November ist ein Schicksalstag der Deutschen:
- 1848 wurde der demokratische Abgeordnete Robert Blum in Wien hingerichtet. Sein Tod steht symbolisch für das Scheitern der Märzrevolution (1848/1849) und den Kampf um Freiheit und Demokratie.
- 1918 endete mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. die Monarchie. Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann rief die Republik aus – der Beginn einer neuen demokratischen Epoche.
- 1923 scheiterte der Hitlerputsch in München. Die Nationalsozialisten hatten früh versucht, die Demokratie gewaltsam zu beseitigen.
- 1938 ereignete sich eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte: die Reichspogromnacht.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten Synagogen, hunderte jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet. Jüdische Menschen wurden gedemütigt, misshandelt, verhaftet und ermordet. Das staatlich organisierte Pogrom markierte eine weitere Eskalation der nationalsozialistischen Verfolgung und war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur systematischen Ermordung von sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen mit Namen, Familien und Lebensgeschichten. Menschen, die Nachbarn, Freunde und selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft waren.
Auch in der Gemeinde Grafschaft lebten jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie gehörten zu unseren Dörfern und unserer Gemeinschaft. Sie wurden ausgegrenzt, vertrieben und ermordet. Der Gedenkstein an unserem Rathaus erinnert an diese Menschen. Er macht deutlich: Diese Geschichte hat sich nicht irgendwo in weiter Ferne abgespielt, sondern mitten unter uns – auch hier in unserer Heimat.
Doch der 9. November ist nicht nur ein Tag des Erinnerns und der Trauer. Er steht auch für Hoffnung und Freiheit.
- 1989 fiel die Berliner Mauer. Menschen hatten friedlich für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft. Grenzen öffneten sich, Familien fanden wieder zusammen und die deutsche Wiedervereinigung rückte näher.
Zwischen der Reichspogromnacht 1938 und dem Mauerfall 1989 liegen Welten: auf der einen Seite Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung, auf der anderen Seite Freiheit, Zusammenhalt und demokratischer Aufbruch.
Beide Ereignisse führen uns vor Augen, wie wertvoll und zugleich verletzlich unsere Demokratie ist. Sie ist keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen sie schützen, stärken und jeden Tag aufs Neue mit Leben füllen.
Gerade heute ist diese Botschaft aktueller denn je. Antisemitismus wird wieder sichtbarer. Jüdische Menschen werden bedroht, angefeindet und ausgegrenzt. Das dürfen wir niemals hinnehmen. Hass und Menschenfeindlichkeit dürfen in unserer Gesellschaft keinen Platz haben.
Erinnern bedeutet mehr, als einmal im Jahr Kränze niederzulegen und Gedenkreden zu halten. Erinnern bedeutet, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.
Es bedeutet:
- den Mund aufzumachen, wenn Menschen ausgegrenzt werden,
- einzuschreiten, wenn Hass und Hetze verbreitet werden,
- jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht allein zu lassen,
- und für eine Gesellschaft einzustehen, in der Menschenwürde und gegenseitiger Respekt selbstverständlich sind.
Demokratie lebt von Menschen, die Haltung zeigen, Verantwortung übernehmen und füreinander einstehen.
Gerade heute, in einer Zeit, in der populistische Parteien wieder zunehmend Zuspruch erfahren, ist es wichtiger denn je, Haltung zu zeigen. Haltung für:
- Ein friedliches und solidarisches Miteinander.
Eine starke Demokratie lebt davon, dass wir nicht schweigen, sondern gemeinsam für diese Werte eintreten.

